Bereits vor zwei Jahren sorgte Lorenzo Quinn während der Biennale von Venedig 2017 mit zwei gigantischen aus dem Wasser ragenden Kinderhänden für Furore. Auch auf der diesjährigen Biennale berühren sich leicht die Fingerspitzen von sechs Arm-Paaren über einem venezianischen Wasserweg. Miriam Bers sprach mit dem Künstler.

Miriam Bers:
Lorenzo, während unseres Besuchs der diesjährigen Biennale von Venedig sahen wir Deine raumgreifende Skulptur Building Bridges – sechs Arm-Paare, deren Hände sich über einer venezianischen Wasserstraße verschränken.
Wie bist Du auf diese Idee gekommen und was bedeutet die Arbeit?

Lorenzo Quinn:
Die Skulptur gleicht der Arbeit Support, die ich vor zwei Jahren zur Venedig Biennale 2017 realisiert hatte. Support sollte auf den Klimawandel aufmerksam machen, auf den in der Klimaerwärmung begründeten steigenden Wasserspiegel der Ozeane und auf die Notwendigkeit, unsere Städte und unsere Küsten zu schützen; die ganze durch Menschenhand geschaffene Schönheit zu erhalten.
Das Werk beruht ebenso auf der Tatsache, dass Menschen in der Vergangenheit in der Lage waren unvorstellbare Instrumentarien zu schaffen. Hoffentlich –  wenn wir uns zusammentun  – können wir das weiterhin in der Zukunft tun. In diesem Moment ist es unsere Aufgabe, die Welt zu schützen und den Klimawandel zu stoppen. Um das zu schaffen benötigen wir Kräfte, die Brücken bauen, so dass Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen und eine gemeinsame Front bilden können. Deshalb habe ich Building Bridges gebaut.

MB:
Bereits Support zeigt zwei riesige aus dem Kanal ragende Hände, die gegen das Ca’ Sagredo Hotel lehnen. Offenbar ziehen sich Hände wie ein roter Faden durch Dein Werk. Was bedeuten sie, warum Hände?

LQ:
Ich bin davon überzeugt, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte und Hände sind leicht zu verstehen. Menschen sehen sich selbst und können sich auf diese Weise mit der Kunst identifizieren. Insbesondere wenn ich eine Skulptur schaffe, die auf einem universellen Level verstanden werden soll, stelle ich Hände dar.

Building Bridges, Lorenzo Quinn, 2019, Foto: Quinn Creations

Building Bridges, Lorenzo Quinn, 2019, Foto: Quinn Creations

MB:
Du bist in einem extrem kreativen Klima groß geworden, in einer Künstlerfamilie: Du bist der Sohn von Schauspieler Anthony Quinn und der Designerin Iolanda Addolori. Wusstest Du von klein auf, dass Du Künstler werden wolltest? Wie haben Deine Eltern Dich beeinflusst?

LQ:
Ja, ich nehme an wenn Dein Vater ein Restaurantbesitzer ist wirst Du wahrscheinlich eines Tages einen ähnlichen Weg einschlagen. Mein Vater war Schauspieler – sehr kreativ. Sicherlich hat mich die kreative Atmosphäre beeinflusst, in der ich groß wurde. Ich wusste aber auch immer, dass ich etwas tun möchte was sich nicht wirklich nach Arbeit anfühlt und so machte ich mein Hobby zu meinem Beruf. Ich war bereits als kleines Kind kreativ und habe viel gezeichnet und gemalt. Heute bin ich sehr glücklich, dass meine Leidenschaft meine Arbeit und zu einem Lebenswerk wurde.

MB:
Erzähl mir etwas über Deine Arbeitsprozesse. Hast Du eine „Factory“? Wie viele Assistenten helfen Dir?

LQ:
Ich nenne es nicht gerne „Factory“ – es ist eine Gießerei. „Factory“ klingt so mechanisch. Es gibt nichts wirklich Mechanisches in dem was wir tun. Jede Arbeit wird in individueller Handarbeit geschöpft und es gibt keine zwei Teile die sich gleichen. Die Arbeiten werden modelliert, in eine Form gebracht und dann gegossen. In der Tat ist dieser Prozess eines der Dinge, die ich an meiner Arbeit liebe – sie ist eine Arbeit, die sich über die Jahrhunderte kaum verändert hat. Sie ist sehr praktisch, sehr manuell. In der Gießerei unterstützen mich 60 Personen und in meinem Atelier inklusive Büros und Werkstätten sind es sieben.

Support, Lorenzo Quinn, 2017, Foto: Quinn Creations

MB:
Was bedeutet Natur für Dich?

LQ:
Natur ist meine Inspirationsquelle, meine Lebensbasis. Ich brauche sie als Mensch aber auch als Künstler.

MB:
Liebe, Frieden, Gleichgewicht, Harmonie – was hat Dich zu diesen spirituellen Themen gebracht? Religion?

LQ:
Ja, ich glaube an Gott, aber nicht gezwungenermaßen an die Kirche. Ich glaube an eine Kraft, eine Macht über uns. Das mag die Natur selbst sein oder eine Energiequelle. Auch wenn ich in einem katholischen Kontext geboren bin, kann ich nicht sagen, dass ich ein praktizierender Katholik bin.

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The Force of Nature II, Lorenzo Quinn, 2018, Foto: Quinn Creations