Tautes Heim – Leben im UNESCO Weltkulturerbe

February 12, 2019

Das Ferienhaus „Tautes Heim“ ist ein Projekt der Landschaftsarchitektin Katrin Lesser und des Grafik-Designers Ben Buschfeld. Von Bruno Taut geplant, befindet es sich in dem Unesco Welterbe „Hufeisensiedlung“ und gewann 2013 den „EU Preis für das Kulturerbe/Europa-Nostra-Preis“. Katrin Lesser und Ben Buschfeld hatten das 65 qm große Haus 2010 erworben und im Laufe von zwei Jahren denkmalschutzgerecht saniert. Besucher der Stadt und Architekturfans können „Tautes Heim“ temporär mieten.

Miriam hat die beiden für ein Interview getroffen:

MB: Wie beginnt Euer Tag?

BB: Wir sind beide selbständig und Frühaufsteher, brauchen also glücklicherweise keinen Wecker. Der Tag beginnt dann natürlich erstmal mit einem entspannten Frühstück, frischer Dusche und Obstsalat, aber dann geht es in aller Regel auch gleich an die Arbeit.

MB: Wo befindet sich das ‘Tautes Heim“ und wie kam es überhaupt zu der Idee?

KL: Wir wohnen privat bereits seit rund 20 Jahren in der Hufeisensiedlung, nur knapp 100 Meter von „Tautes Heim“ entfernt. Wir fühlen uns hier sehr wohl, engagieren uns im Denkmalschutz, haben beide mehrfach zu der Siedlung publiziert und geben auch selber Führungen. Eine solche Führung ist meines Erachtens komplett, wenn auch Innenräume besichtigt werden. Der Grund ist simpel: Erst im Inneren der Häuser und Gärten lässt sich die hohe Wohn- und Lebensqualität hinter den farbenfrohen Fassaden zumindest schon mal erahnen. „Licht, Luft und Sonne“ war damals das Credo der Planer. Man wollte der Enge der Mietskasernen etwas entgegensetzen.

Tautes Heim, Außenansicht (www.tautes-heim.de)

MB: Wie wurde es möglich ein unter Weltkulturerbe stehendes Gebäude tageweise zu vermieten?

KL: Das hat wesentlich damit zu tun, dass die Hufeisensiedlung – anders als die anderen fünf als Welterbe geführten „Siedlungen der Berliner Moderne“ – zu großen Teilen in Einzeleigentum umgewandelt wurde, was ihren homogenen denkmalgerechten Erhalt deutlich erschwert. Aus dieser Situation heraus haben wir mehrere Projekte gestartet, die sich der Denkmalvermittlung widmen und gleichermaßen an Nachbarn, Politik und Außenstehende richten. Vor Ort gut vernetzt, kennen wir viele Häuser der Siedlung von innen. Eines Tages haben wir Freunde von Nachbarn bei der Besichtigung eines zum Verkauf stehenden Reihenendhauses begleitet. Das zuletzt von einer alten Dame bewohnte Haus war sehr verwohnt und extrem restaurierungsbedürftig. Die Freunde haben schnell abgewunken, aber wir waren sofort begeistert und haben nach einer Möglichkeit gesucht, das zu sichern und auch Außenstehenden zugänglich zu machen. Nachdem wir uns vergebens um Fördermittel bemüht hatten, kamen wir auf die Idee eines nach Museumsstandards möblierten Ferienhauses. Wir haben uns ins Risiko und in die Arbeit gestürzt und hoffen jetzt, über die Vermietung diese rein privaten Auslagen wieder zu refinanzieren. Das macht Spaß ist aber auch ein langer, von viel Idealismus getragener Prozess, der nur möglich war, weil wir bereits viel Vorwissen mitbrachten.

Hufeisensiedlung (www.tautes-heim.de)

Hufeisensiedlung Luftansicht, (www.tautes-heim.de)

MB: Ihr seid ein Paar; wie habt Ihr bei diesem Projekt die Aufgaben verteilt? Ich weiß zum Beispiel dass Du, Katrin Landschaftsarchitektin bist und erwirkt hast, dass die Hufeisensiedlung auch als Gartendenkmal eingetragen ist. Und Ben, welcher war Dein Part? Habt Ihr das Haus gemeinsam eingerichtet?

BB: Ich bin Grafik-, Web- und Ausstellungsdesigner mit Schwerpunkt Architektur- und Zeitgeschichte, also insofern auch einigermaßen vom Fach. Die gesamten Restaurierungs- und Planungsarbeiten sind ein echtes „Paar-Projekt“. Über zwei Jahre waren wir fast jedes Wochenende zugange und haben alles gemeinsam entschieden, ausgewählt und entworfen. Erst später sind wir arbeitsteilig vorgegangen, denn natürlich ist Katrin nicht nur viel versierter in Gartendingen, sondern außerdem auch eine super Bauleiterin. Ich hingegen konnte und kann meine beruflichen Qualitäten bei Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ausspielen und habe mich stärker um Fotos, Website, Networking und ähnliches gekümmert.

Tautes Heim, Wohnzimmer, (www.tautes-heim.de)

MB: Die temporären Bewohner und Architekturfans können im „Tautes Heim“ ja übernachten und arbeiten. Es gibt einen Schreibtisch und Wlan. Wie sieht es mit Kochen aus, kann ich das Haus mieten und Gäste zum Essen einladen?

KL: Prinzipiell ja, das Haus ist zwar voll mit Originalen aus der Bauzeit, gleichzeitig aber auch mit einer rundum funktionsfähigen Küche ausgestattet. Moderner Komfort wie Kühlschrank oder Spülmaschine haben wir einfach diskret hinter den Küchenfronten integriert. Auch der charmante kleine „Backofix“-Herd tut seinen Dienst. Allerdings ist das alles kein Highend-Equipment und das Haus ist mit nur 65qm ja recht klein. Insofern ist es sicher nicht der richtige Ort für ausgiebige Koch-Events. Aber bis zu vier Personen lassen sich gut verpflegen. Besonders schön sitzt man natürlich im Frühjahr und Sommer auch auf der Terrasse vorm Haus.

 

Tautes Heim, Küche, (www.tautes-heim.de)

Tautes Heim, Schlafzimmer, (www.tautes-heim.de)

MB: Wie klingt dann Euer Tag aus, kocht ihr gerne?

BB: Ja, ich koche sehr gerne. Katrin nicht ganz so sehr. Aber wir essen und kochen schon sehr regelmäßig, gut und bewusst – nicht nur für uns, sondern auch für Freunde und Gäste. Allerdings braucht man dazu natürlich auch Zeit. Und an der mangelt es aktuell leider ein wenig…

MB: Rezeptidee?

BB: Jetzt am Wochenende sind wir zum Geburtstag einer Freundin eingeladen und sollen etwas fürs Buffet mitbringen. Ich denke, es wird eine Mousse au chocolat und ein asiatisch-exotischer Salat – beides aber kein typisches Essen der Zwanziger Jahre…

Tautes Heim, Kammer (www.tautes-heim.de)

Regina Maria Möller in der Galerie Michael Janssen Berlin

November 16, 2018

Die Ausstellung ‚die Motte’ der Künstlerin Regina Maria Möller läuft noch bis zum 17.11.2018 in der Galerie Michael Janssen. In München geboren, hat sie an den Philosophischen Fakultäten der Ludwig Maximilians Universität studiert. Möller verbrachte viele Stationen ihrer Karriere als Professorin/Gastprofessorin und Künstlerin (seit 1993) im Ausland: in New York, in Stockholm, am NTNU in Trondheim, Singapur und am MIT in Cambridge. Heute lebt sie in Berlin. Mit fortlaufenden zumeist interdisziplinär ausgerichteten Arbeiten wie ‚regina’ oder ‚embodiment’ konzentriert sich Möller auf gesellschaftlich relevante, teils autobiografische Themen. Damit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Alltag.

GoArt! traf Regina Maria Möller zu einem Gespräch.

MB: Regina, wie beginnt Dein Tag?

RMM: Wenn ich in Berlin bin mit Training im SSE – ich schwimme.

MB: In Deiner ersten Ausstellung der Galerie Janssen hast Du das Schaufenster mit einem schweren Samt-Viskose Vorhang verhangen. Beim Betreten des vorderen Galerieraums werden die Betrachtenden dann mit einem Bühne-ähnlichen Set historischer Theatervorhänge konfrontiert. Diese müssen sie durchlaufen, um zu dem von Dir bespielten ‚Requisitenfundus’, dem back space der Galerie mit weiteren Arbeiten von Dir zu gelangen. Eine indirekte Regieanweisung für die Besucher*innen – welche Rolle spielt ‚die Motte’ in dieser Inszenierung?

RMM: Über diesen „Hauptvorhang“ betreten die Besucher*innen quasi die Galerie und werden zu Akteur*innen. Inmitten der „Bühne“ entsteht ein Spiel von Schatten und durch das Bewegen und Verschieben der Vorhänge, wird immer wieder eine neue Perspektive bzw. ein neues Szenenbild eröffnet. Die Dramaturgie und Orientierung kreist –  ähnlich dem Verhalten von Motten, die um das Licht kreisen, aber auch das Dunkle suchen. Ich beziehe mich mit der Motte auf die „Kleidermotte“. Ein unliebsamer Gast in unseren Kleiderschränken, aber ein Qualitätsgarant in digitalen und „Kunst-Stoff“ besessenen Zeiten. Ihre Larven ernähren sich von Keratin, einem Protein, das bei Tieren ein Bestandteil im Fell sowie im Horn ist.  Daher sind Fasern von hoher Qualität, wie Wolle und Seide, ein willkommenes Futter für die Larven.

Mit einem schweren Theatervorhang assoziiert man oft etwas Verstaubtes – in dem sich Tausende von Motten-Larven tummeln. Er wird durchlöchert, zerfressen und wenn er nicht im Theaterfundus aufbewahrt wird, landet er in der „Mottenkiste“. Das Fabelwesen „The Mothman“ steht allegorisch für den Sensenmann. Aber auch die Kleidermotte ermahnt an das Vergängliche – für mich ein memento mori an unsere Sinne und an Material als fassbaren Körper. So kommen auch die Porzellan Vasen mit Motten-Motiv ins Spiel, die ich zum einen mit Uli Aigner One Million und zum anderen mit der Porzellan Manufaktur Nymphenburg produzierte. Das Kunsthandwerk der Porzellanmalerei /-produktion hat in unserer technologischen Zeit einen neuen Stellenwert eingenommen. Daher liebe ich umso mehr ihre Feinheit und das Unperfekte. Porzellan hat einen Charakter. Es hat, wie so viele Materialien mit denen ich arbeite, einen eigensinnigen Willen – ein Leben –  das für Überraschungen sorgt. So auch die Motte.

MB: Du kommst ursprünglich aus der Theorie, hast unter anderem Kunstgeschichte studiert. Seit 1994 trittst Du aber auch künstlerisch in Erscheinung. Z.B. mit der Zeitschrift ‚regina’ sowie dem Label ‚embodiment’, für das Du Kleidung, Tapeten und Möbel als Kunstwerke entwirfst. Auffällig sind all die biografischen Komponenten. Man betrachte etwa ‚Reproduktionen’ oder anderen Fotoarbeiten, gar die als Requisiten entwickelten Kleider. Siehst Du Deine Arbeiten im Sinne eines künstlerischen Selbstporträts?

RMM: Ich sehe mich nicht als ein Kunstobjekt und inszeniere mich nicht als Kunstwerk. Aber als Autorin und Künstlerin stehe ich zu und als Verantwortliche hinter meinen Arbeiten. Insofern hinterlässt jedes Werk einen Abdruck, ein Abbild von mir. Die Frage nach Identität(en), wie sie sich im Alltag, interkulturell und medial zum Beispiel über „Bekleidung“ (Kleidung, Textilien, Interieur) definieren, aber auch Rollenbilder zugeschrieben und durchbrochen werden, sind Themen von „regina“ und „embodiment“. Heute – im schnelllebigen, digitalen Zeitalter – legen sich Personen mehrere Identitäten zu und Biographien. Damit sind sie zum Spiegelbild einer „Ausstellungsgesellschaft“ geworden.  „regina“, „embodiment“ wie auch „Reproduktion“ reichen in ihren Anfängen in die  90er Jahre zurück. Da gab es noch ganz andere Umstände von Identitätsfragen als heute. Heute haben sie eine neue Aktualität – ihre „körperliche“ (embodiment) und „analoge“ (regina) Anwesenheit.

MB: Gegenstände, die Protagonisten aus dem Kulturleben wachrufen wie etwa der Brecht’sche Vorhang in der Ausstellung, eine Zeitreise durch unterschiedliche Epochen sowie Genre – ist die Motte Synonym für den Forscher- und Künstlergeist, gar für Dich und Deinen interdisziplinären Arbeitsstil?

RMM: Nein. Aber sie ist ein Teil davon.

MB: Ein Thema, das mich besonders reizt, ich aber auch in der eher kritisch konzipierten ‚Frauenzeitschrift’ regina entdecke, ist die gesellschaftliche Bedeutung von Essen, Ernährung. Das geht bis hin zu Rezepten. Welche Bedeutung hat Essen/Kochen für Dich persönlich, in Deinem künstlerischen Kontext?

RMM: Daniel Spoerri hat mich mit „Eat Art“ früh gelehrt wie eng Kunst und das Kochen zusammenhängen. Die Küche ist der Ort für Begegnungen. Über das gemeinsame Kochen und Essen entsteht ein „natürlicher“ Austausch zwischen verschiedenen Kulturen. Ich selbst koche sehr gerne und das Kochen und Kosten genieße ich auch als ein entspanntes Nachdenken. Ich erfreue mich an liebevoll gedeckten Tischen –  schlichte und prachtvolle – aber immer liebevoll müssen sie sein. Und dann gibt es ja auch noch von König Ludwig II – dem Märchenkönig von Bayern – das sagenhafte Tischlein deck dich!

MB: Rezeptidee?

RMM: Unsere Sinne und Sensoren trainieren.

Food Revolution 5.0

Food Revolution
May 18, 2018

Im Kunstgewerbemuseum in Berlin hat am 18.05.2018 die Ausstellung Food Revolution 5.0, kuratiert von Dr. Claudia Banz, der neuen Kuratorin für Design am Museum, eröffnet. Themen wie das Essen in der Zukunft, schwindende Ressourcen oder Klimawandel machen Nahrung zu einem brisanten politischen Thema. Welche Szenarien entwickeln Künstler zum Essen von Morgen? Miriam Bers sprach mit der Kuratorin.

MB: Food Revolution 5.0 war bereits 2017 in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Dort haben die teilnehmenden Künstler Auftragsarbeiten für die Ausstellung entworfen. Zeigen Sie dieselben Werke in Berlin?

CB: Ja, wir zeigen mit ein paar Ausnahmen dieselben Arbeiten, konnten die Ausstellung in Berlin aber noch um einige wichtige neue Beiträge erweitern. Denn auch eine Ausstellung ist ja ein offener Prozess. In Berlin gehen wir viel stärker in den Außenraum: auf der Piazzetta entsteht eine „Urbane Streuobstwiese“, ein Projekt des niederländischen Stadtplaners und Designers Ton Matton. Auf einer bislang ungenutzten Terrasse des Museums realisiert die Planwerkstatt der TU Berlin in Kooperation mit der Landschaftsarchitektin Katrin Bohn einen „Essbaren Garten“. Die Künstlerin Silke Riechert hat speziell für die Ausstellung die partizipative Installation „Störung im Schlaraffenland“ entwickelt; hier geht es u.a. um eine kritische Auseinandersetzung mit der Lebensmittelindustrie und die Vermittlung von Ernährungswissen für Schulkinder. Susanna Soares und Andrew Forkes zeigen ihr Projekt „Insects au Gratin“, mit dem sie zukünftige Nahrungsmittel im Kontext von Insekten, Nährstoffen und 3D-Druck erforschen. Chmara.rosinke sind mit ihrem Projekt „Mobile Gastfreundschaft dabei und The Center for Genomic Gastronomy stellen ihr aktuelles Projekt „To flavour our teares“ vor.

MB: Food ist ein zunehmend wichtiges und in unserer westlichen Welt ein absolutes Lifestyle-Thema: so hat es viele spannende gesellschaftliche und ästhetische Komponenten, gesundheitliche Aspekte, dann wiederum ökologische und politische Bedeutung und ihre traurige Kehrseite: Essensknappheit, das Verschwinden von Ressourcen und Hungersnot. Der Österreicher Klaus Pichler beispielsweise thematisiert auf ästhetische Weise  Lebensmittel im Überfluss,. Laut Statistik wird ein Drittel der weltweiten Nahrung weggeworfen. Das meiste davon in industrialisierten Ländern. Demgegenüber sind 925 Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Was ist die Message der Ausstellung, weist sie Alternativen auf?

CB: Ja, die Thematik spielt natürlich eine zentrale Rolle in der bereits erwähnten Arbeit Pichler oder in den Arbeiten von Kosuke Araki, der Essgeschirr aus Lebensmittelabfällen entwirft und damit darauf hinweist, dass es sich hierbei um einen wertvollen Rohstoff handelt. Ganz wichtig ist natürlich unser Konsumverhalten, und dass wir einen respektvollen Umgang mit unseren Ressourcen pflegen sollten. Dass also Konsum eine Frage von Haltung und Verantwortung ist, das zieht sich als Subtext durch die meisten der ausgestellten Werke.

MB: Worauf spielen Sie mit dem Titel Food Revolution 5.0 an? Wie ist ihre Vision von zukünftiger Nahrung?

CB: Der Titel Food Revolution ergab sich aus Recherchen im Vorfeld der Ausstellung: Es ist inzwischen, glaube ich, in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass unser Ernährungssystem zu einem der Hauptverursacher des Klimawandels gehört und daher einer radikalen Änderung bedarf. Das 5.0 steht dafür, dass wir die neuen Technologien sinnvoll einsetzen sollten, indem wir sie mit den alten Kulturtechniken der Landwirtschaft und dem alten handwerklichen Wissen um das Selbermachen, Konserverieren und weitere Spezifika bäuerlicher Produktion verbinden. 5.0 steht aber auch für Degrowth und für die Idee der Commons. Die Ressourcen dieser Erde gehören allen Menschen und nicht nur wenigen Konzernen. Dementsprechend sollten auch alle Menschen den gleichen Zugang dazu haben.

MB: Sind die von den ausstellenden Designern entwickelten Szenarien anwendbar oder vielmehr Reflexionen und Utopien zukünftiger Nahrung/Ernährung?

CB:  Wir zeigen sowohl Best-Practice-Beispiele wie eine Indoor-Farm, in der Salat wächst, oder einen mobilen Beehive für den urbanen Raum von The Beecollective. Zu sehen ist auch ein Tomatenfisch-Projekt, das nach dem Prinzip des Aquaponik funktioniert sowie eine Algenfarm für die Gebäudefassade. Es gibt aber auch spekulative Arbeiten wie von Martí Guixé, der mit „Digital Food“ eine maßgeschneiderte Ernährung aus dem 3D-Drucker visioniert. Johanna Schmeer wiederum erforscht in ihrem Projekt „Bioplastic Phantastic“ die Möglichkeiten, bio- und nanotechnologische Erkenntnisse für die zukünftige Nahrungsproduktion zu nutzen.

MB: Verraten Sie uns etwas über die Entwürfe Werner Aisslingers oder Marije Vogelzangs, und was hat es mit dem Sharing Dinner auf sich?

CB: Werner Aisslinger hat speziell für unsere Food-Ausstellung eine communal cooking landscape entworfen. Es ist ein Hybrid aus archetypischer Kochstelle, Arena oder Sitztreppe, die eine Symbiose aus analogem Kochen und der sozialen Nachhaltigkeit des gemeinschaftlichen Zubereitens, Kochen, Essens und Unterhaltens darstellt. Marije Vogelzang präsentiert mit ihrer ebenfalls für die Food-Ausstellung entwickelten Arbeit „Volumes“ eine Möglichkeit, unser Essverhalten positiv zu verändern.

MB: Berlin ist gutes Beispiel für eine Stadt, deren Kreative sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen. Erfolgreiche Urban Gardening Projekte, eine zunehmende Zahl an Restaurants und Köchen, die vor allem lokale Zutaten verarbeitet, Bio-Supermärkte, die Berliner Tafel, die Essensreste an Bedürftige verteilt und last but not least inhouse farming/vertical planting: wie betrachten Sie diese Entwicklung, haben wir eine Vorreiterrolle?

CB: Ich glaube unbedingt, dass Berlin eine Vorreiterrolle besitzt, es gibt eine unglaubliche Dichte von ganz unterschiedlichen Akteuren, die sich mit der Food-Thematik auseinandersetzen, auch eine interessante Start up Szene für innovative nachhaltige Nahrungsprodukte und die sinnvolle Distribution von Nahrung. Berlin ist auch die erste Stadt, in der nach angelsächsichem Vorbild ein Ernährungsrat gegründet wurde. Das ist wichtig, um die Bedürfnisse und Wünsche der Bürger in Hinblick auf eine transparente und soziale Nahrungsproduktion auch in die Politik hineinzutragen. Es gibt auch im Kunst- und Designbereich viele spannende Projekte, die von einem internationalen Publikum gesehen werden; die Berlin Kunst- und Designuniversitäten setzten sich mit der Thematik auseinander.

 MB: Kochen Sie gerne, welches sind Ihre Kriterien?

CB: Ich koche sehr gerne und achte mittlerweile noch stärker darauf, woher die Produkte kommen. Die regionale oder lokale Produktion ist mir sehr wichtig. Auch gehe ich lieber öfters einkaufen, um dadurch meine Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Sehr schade finde ich es, dass selbst in den Biomärkten oft genauso viel Verpackung verwendet wird. Daher würde ich mir wünschen, dass es mehr Unverpackt-Läden gibt.

MB: Eine Rezeptidee?

Es gibt inzwischen ja auch Kochbücher für Insekten, u.a. von der Schweizer Designerin Andrea Staudacher, die auch in der Ausstellung vertreten ist. Mit Insekten als Nahrungsmittel würde ich mich zukünftig gerne mehr beschäftigen und verschiedene Rezepte mal ausprobieren, jetzt, da Insekten ja auch in der EU offiziell als Nahrungsmittel zugelassen sind.

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Food Revolution 5.0
Gestaltung für die Gesellschaft von Morgen

18.05.2018 bis 30.09.2018 

GoArt! Food Touren

Food Revolution

Johanna Schmeer, Bioplastic Fantastic, 2014, © Johanna Schmeer

Food Revolution

Officina Corpuscoli - Maurizio Montalti, System Synthetics, seit 2011, © Maurizio Montalti

Food Revolution

Klaus Pichler, Erdbeeren, aus der Fotoserie „One third“, 2010-2012, © Klaus Pichler

Food Revolution

Chloé Rutzerveld, Edible Growth, 2014, © Chloé Rutzerveld, Foto: Bart van Overbeeke

Food Revolution

Fraunhofer UMSICHTinFARMING, 2017© Fraunhofer Umsicht 2017

Food Revolution

Austin Stewart, Second Livestock, 2014, © Austin Stewart

Food Revolution

Marije Vogelzang, Volumes, 2017, © Marije Vogelzang

Berliner Food Festival: Interview mit eat! berlin Initiator Bernhard Moser

February 27, 2018

Das Berliner Food Festival eat! berlin tagt 2018 zum siebten Mal. Es findet jährlich statt und zählt inzwischen zu den kulinarischen Highlights der Hauptstadt. Rund 50 Veranstaltungen mit mehr als 60 KöchInnen in den besten Restaurants summieren 30 Michelin Sterne und 496 Punkte im Gault&Millau. Auch das Luxusreise- und Lifestyle Magazin Travellers’ World hat das Festival 2016 ausgezeichnet und es zu den 10 Besten der Food Festivals der Welt nominiert. Kooperationen wie etwa das mit dem Tipi am Kanzleramt und Frau Luna machen die Veranstaltung nicht nur dem Berliner Publikum schmackhaft. Auch Tim Raue oder Sebastian Frank um nur zwei der bekannten Köche nennen – zählen zu den Highlights von eat! berlin. Miriam Bers sprach mit dem Initiator des Berliner Food Festivals, Bernhard Moser.

MB: Was hat Sie 2011 motiviert das Berliner Food Festival ins Leben zu rufen und wie kamen Sie zum Essen?

BM: Ich komme aus einem Dorf in Österreich. Da gab es nur zwei Berufsmöglichkeiten: Landwirtschaft oder Gastronomie. Da wir keinen Bauernhof hatten, wurde ich Koch/Kellner, habe danach die Ausbildung zum Diplom-Sommelier gemacht. So entdeckte ich nach und nach den Genuss für mich. Die Motivation das Festival zu gründen kam daher, dass ich Berlin seit langem als Gourmetmetropole wahrnehme, außerhalb Berlins wurden wir aber in der Zeit noch als Currywurststadt wahrgenommen. Das hat mich und viele befreundete Spitzenköche genervt. Eines Abends saß ich mit einer netten Runde zusammen, darunter die Inhaber der Mattheis-Werbeagentur und ein bekannter Journalist. An diesem Abend wurde die eat! berlin gegründet.

MB: Welches sind die Auswahlkriterien für eine Teilnahme an dem Berliner Food Festival eat!berlin?

BM: Ich arbeite gerne mit herausragenden Köchen und Gastronomen zusammen. Dabei orientiere ich mich an eigenen Erfahrungen und am Gault&Millau. Idealerweise hat das Restaurant mit dem wir arbeiten mindestens 15 Punkte und steht für irgendwas. Also nicht nur so eine 08/15 Pinzettenküchen-Nachkocherei, sondern eine herausragende Stellung in der Gastronomie. Da wir im Rahmen des Festivals sehr eng mit den Menschen arbeiten, ist es auch wichtig, dass ich die- oder denjenigen mag. Für mein Team versuche ich die Egomanen vorher zu erkennen. J
MB: Kann man von kulinarischen Trends, von Moden sprechen?

BM: Ja, aber wir versuchen sie zu meiden. Gutes Essen und Trinken sind unser Trend, aber Dinge wie „Superfood“ und ähnlicher Humbug interessiert uns nicht.
MB: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei den Köchen?

BM: Bei uns eine riesige, bei den Köchen eine wachsende. Der Feinschmecker genießt ja nicht nur, er übernimmt im Idealfall auch Verantwortung für seinen Konsum. Regionalität der Lebensmittel, E-Mobilität etc. sind uns enorm wichtig. Zudem sind wir das weltweit einzige Feinschmeckerfestival, das ausschließlich mit Leitungswasser versorgt wird.

MB: Welches sind die diesjährigen Berliner Food Festival Highlights, was ist neu?

BM: Bei uns ist fast immer alles neu, weil ich Wiederholungen nicht so gerne mag. Die Entwicklung des Programmes ist mir total wichtig, insofern kann ich auch keine Highlights benennen. Ich stehe hinter jeder meiner Veranstaltungen und freue mich auf jede einzelne.
MB: Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie dieses Jahr und kann man sagen, dass das Festival inzwischen internationales Publikum anzieht?

BM: Wir werden in diesem Jahr ca. 7.000 Besucher haben, genau kann ich das nicht sagen, da wir bei den „Berliner Käsetage“ eine relativ lange Zeit offene Türen haben und die Besucherzahl nur geschätzt werden kann. Es könne so auch 9.000 werden. Als ich heute da war, war es jedenfalls rappevoll.
International erfahren wir, vor allem seit der Wahl unter die 10 besten Foodfestivals der Welt, enorm viel Aufmerksamkeit. Das ist gut, weil nur so der Imagewandel in Berlin vollzogen werden kann. Wir sind eben nicht nur Partystadt.

MB: Ihr Lieblingsort in Berlin?

BM: Gastronomisch kann ich ihn nicht benennen. Mein liebster Ort ist auf der Couch, mit meiner Tochter im Arm, Zeichentrickfilme schauend.

MB: Ihr Sehnsuchtstort?

BM: Ich möchte unbedingt 2019 zu Heston Blumenthal ins „The Fat Duck“.

MB: Kochen Sie privat?

BM: Darf ich nur, wenn wir Gäste haben. Köche kochen anders, wir brauchen zu viele Töpfe und machen zu viel Unordnung. Da gibt’s Ärger.

MB: Eine Rezeptidee?

BM: Nehmen Sie ein wachsweich gekochtes Bio-Ei, hauen Sie einen Klecks Schmand drauf und nehmen Sie Malossol-Kaviar dazu, so viel wie Sie sich leisten wollen. Aber bitte aus guten Zuchtbetrieben in Ihrer Nähe. Ich schätze den Brandenburger Kaviar von der Forellen- und Störfarm Rottstock, betrieben von Susanne und Matthias Engels. Genuss braucht oft nur 3 Komponenten.

Fotos: courtesy of eat! Berlin

GoArt! Food Touren