Studio Visit mit Klaus Killisch

Klaus Killisch
September 4, 2018

GoArt! studio visit bei Klaus Killisch

Das Gemälde “Mann vor Mauer“ von Künstler Klaus Killisch aus dem Jahr 1988 ist noch bis zum 28.10.2018 in der Sonderausstellung „Die Schönheit der großen Stadt“ im Ephraim Palais zu sehen, die 120 hochkarätige Werke von Künstlern zeigt, die die urbanen und sozialen Strukturen der Stadt Berlin im 19. und 20. Jahrhundert repräsentieren. Der in der DDR geborene Künstler Klaus Killisch lebt seit 1972 in Berlin und hat in den 80er Jahren an der Kunsthochschule Weißensee zunächst Industriedesign und dann Malerei studiert. Expressionismus, die Bauhaus Idee, Pop und Punk, Bands wie die Einstürzenden Neubauten oder Nick Cave haben seinen Stil von Beginn an beeinflusst, der sich in einer sehr eigenen faszinierenden Art der Collage-Malerei ausdrückt. Musik als Klang oder als Material – Vinyl, Plattencover oder Porträts seiner Ikonen sind häufig Bestandteile der Gemälde.

Miriam Bers traf den Klaus Killisch zu einem Gespräch in seinem Atelier:

Miriam Bers: Du erzählst, dass die Stilikonen der 80er auch in Weißensee im ehemaligen Ostteil der Stadt Einzug hielten. Das ist zunächst schwer vorstellbar für Jemanden, der das nicht miterlebt hat. Wie ließ sich Punk und DDR vereinen? Wie kam es, dass sie Deine Arbeiten so maßgeblich prägten?

Klaus Killisch: In den 1980er Jahren ging es mir darum gute Musik zu hören und dazu Bilder zu malen: zum Beispiel Nick Cave & the Bad Seeds und Einstürzenden Neubauten waren inspirierend. Diese und andere Musik spiegelten gut unser Lebensgefühl wieder. Im Atelier war das wie Treibstoff, der mich beim Malen in Trance versetzte und antrieb. Das ist bis heute so geblieben. Sehr viel später erst habe ich erkannt, wie viel Zeitgeist in meinen Bildern steckt. Sehr sichtbar ist es bei “Seele brennt“ oder “Teutonisches Bild“ auf dem ein Wolfsmensch quasi aus dem Bildraum aufsteigt.

MB: Du erwähnst eine für Dich und weitere Künstler so bedeutende Gruppe um die Keramikwerkstatt Wilfriede Maaß, die in den 90ern auch eine Galerie in Berlin Mitte hatte.

KK: Die Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß war in den 80er Jahren Wohnzimmer  und Treffpunkt der subversiven Künstlerszene Ostberlins im Prenzlauer Berg. Künstler wie Cornelia Schleime, Wolfram Scheffler oder Angela Hampel haben dort Keramik bemalt. Als ich Wilfriede kennenlernte waren viele der Künstler schon im Westen. Dieser Exodus war ein Verlust, aber es entstanden wiederum auch Freiräume für uns, da weiter zu machen. Mit Wilfriede, Sabine Herrmann und Petra Schramm gründeten wir eine der ersten Produzentengalerien im Osten. Wir luden Künstler ein, in der Werkstatt zu arbeiten. Die entstandenen Keramiken und Objekte wurden dann in Korrespondenz mit den eigentlichen Kunstwerken ausgestellt. Für meine Ausstellung hatte ich in der Galerie blaue Wandbilder entworfen und davor die Keramiken inszeniert. Das sah ziemlich cool aus.In den 90er Jahren zogen wir dann mit der Galerie in die Gipsstraße. Wir waren quasi einer der Vorreiter für den später einsetzenden Kunstboom in Mitte. Ein Höhepunkt war die Ausstellung “Sake Bar“. Die Idee hatte Mikael Eriksson. In einer nachempfundenen Sake Bar konnte man sitzen und aus den bemalten Gefäßen trinken und diese auch kaufen. Neo Rauch, Carsten Nikolai und viele andere haben dafür Geschirr bemalt.

MB: Wie hat sich Dein künstlerisches Schaffen in den 90ern und bis heute entwickelt, im Brennpunkt Berlin? Hattest Du gleich Kontakte ins Ausland? Ich weiß dass Du 2004 die Gruppe “Collective Task“ gegründet hast, eine Art Mail Art mit einer Dichterszene in New York. Wie gestaltet sich das, welche Idee liegt der kollektiven Zusammenarbeit zu Grunde?

KK: Als die Mauer durch unsere friedliche Revolution fiel, war das für mich ein Glücksfall. Ich wurde zur Biennale in Venedig eingeladen. Meine expressiven Bilder waren Teil der Ausstellung Berlin! im Italienischen Pavillon. Das war aufregend und neu. Mit Hilfe von Stipendien und Ausstellungen reiste ich oft ins Ausland und blieb längere Zeit auch in Japan. Dann lernte ich den amerikanischen Dichter Robert Fitterman kennen. Mit ihm verbindet mich bis heute eine enge Freundschaft. Er hatte auch die Idee zu Collective Task. Wir beide organisieren CT inzwischen seit 10 Jahren. Die Idee ist relativ simpel: jeden Monat stellt ein Künstler oder eine Künstlerinaus der Gruppe eine Aufgabe, auf die alle anderen frei mit künstlerischen Mitteln antworten. Die Ergebnisse kann man auf unsere Website sehen und die Vielfalt erspüren, die der Künstlergruppe entspringt. 2012 wurden wir vom MoMA in New York eingeladen, CT zu präsentiert. Das war sehr aufregend.

In meiner künstlerischen Arbeit bin ich offen für Anregungen von Außen. So fragte mich vor einigen Jahren Sangare Siemsen, ob ich für seine Bar ambulance ein Deckenbild gestalten möchte mit seinen LPs, die er Anfang der 90er aufgelegt hatte. Aus diesem Auftrag entbrannte eine Leidenschaft für das Material Vinyl. Ich begann mit Acryllacken und gerasterten Motiven aus der Werbung zu experimentieren und entwickelte daraus meine Collagen-Malerei. In der Musik gibt es das Sampling und so ähnlich verstehe ich auch meine Kunst, als ein Zusammenbringen von Versatzstücken aus Alltagskultur, Clubszene, Trash und Malerei. Die Bar gibt es leider nicht mehr. Das Deckenbild wurde abgedeckt. Man könnte es irgendwann wieder freilegen.

MB: Was zeigst Du in Deiner kommenden Einzelausstellung “Endless Rhythm“ in Chemnitz? Wo und ab wann ist sie zu sehen?

KK: Die Ausstellung wird in der Galerie Weltecho ab dem 20. Oktober zu sehen sein. Ich freue mich schon darauf in diesem tollen Raum mit seinen fünf Meter hohen Wänden auch ein Wandbild realisieren zu können.

MB: Welcher ist Dein Lieblingsort in Berlin?

KK: Mein Atelier.

MB: Welcher ist Dein Sehnsuchtsort?

KK: Parpan, ein kleiner Ort in Graubünden.

MB: Wie endet Dein Tag? Selber Kochen oder Essen gehen?

KK: Beides. Aber zu Hausen kochen und mit der Familie essen ist am Schönsten.

MB: Rezeptidee?

KK: Mein Kinder wünschen sich von mir oft Eierkuchen. Die gelingen mir auch meist hauchdünn. Es gibt da unendlich viele Varianten sie zu belegen mit Lachs, Pilzen, Salat oder Süßem.

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Foto Credit: Klaus Killisch

GoArt! Berlin Kunstberatung

 

 

Klaus Killisch
Klaus Killisch
Klaus Killisch
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Klaus Killisch

Fashion Week Berlin – König Souvenir x Kollektiv Ignaz

Fashion Week Ignaz Kollektiv
July 13, 2018

Ein sehr spannender und im Rahmen der Fashion Week Berlin auf dem Berliner Salon eher untypischer Auftritt ist der einer Galerie für zeitgenössische Kunst in Kooperation mit dem vor über einem Jahr von drei Frankfurtern gegründeten Kollektiv Ignaz. Auch König Souvenir wurde 2017 ins Leben gerufen und ist eine junge Produktreihe der seit langem erfolgreichen Galerie König Berlin, nun mehr auch mit Sitz in London. Es entwickelt in kleinen Auflagen Editionen wie Shirts, Hoodies, ausgestellter Arbeiten und Künstler zurückgehen, dabei auch gesellschaftliche und politische relevante Themen aufgreift, die unseren Alltag bestimmen.

So gibt es beispielweise die Leggins mit dem Print einer Arbeit von Claudia Comte oder das Guilt Cap von Monica Bonvicini aber auch ein EUnify Hoodie, das zum kritischen Engagement mit dem europäischen Projekt aufruft.

Das Kollektiv Ignaz hingegen lebt in Frankfurt am Main macht sei kurzer Zeit Furore mit Events, die Bereiche Musik, Design und Fotografie vereinen. Mit einer für das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt für ein spezifisches Publikum entwickelten Party wurde schließlich die Presse auf sie aufmerksam. Erklärtes Ziel der Dreier-Gruppe ist das kulturelle und kreative Interesse Gleichaltriger zu wecken, einer ganz jungen Generation, die gerade erst die Schule beendet und weniger Text lastig ist als ihre Vorgänger.

Miriam Bers GoArt! Berlin sprach mit den Protagonisten auf der Fashion Week Berlin.

MB: wie kam es zur Gründung Eures Kollektivs und was bewegt Euch?

KI: Die Gründung unseres Kollektivs basiert auf Freundschaft. Wir sind alle schon jahrelang befreundet und haben alle unsere eigenen kreativen Interessen ausgelebt. Irgendwann haben wir uns dann immer öfter über unsere Projekte ausgetauscht und so ist dann aus einer Freundschaft auch eine Zusammenarbeit geworden. In erster Linie möchten wir auch weiterhin mit unserem Kollektiv unsere eigene Kreativität ausleben und dieses dazu als Plattform nutzen.

MB: König Souvenir, wie entstand die Zusammenarbeit mit dem Kollektiv anläßlich der Fashion Week Berlin?

KS: Wir kennen Ignaz schon seit längerem und sind durch ihre Kreativprojekte auf sie aufmerksam geworden. Als die antisemitischen Übergriffe in Berlin passierten, waren wir im regen Austausch und haben so die Idee zum Solidarity Hoodie entwickelt da wir ein Zeichen gegen Hass und Intoleranz setzen wollen.

MB: Der Solidarity Hoodie ist eine geniale Idee. Die Kippa auf einem Hoodie gestickt. Damit schafft Ihr ein politisches Lifestyle-Produkt. Letztlich repräsentiert Beides – wenn auch aus unterschiedlichen Kontexten stammend – Minderheiten. Die Kippa als Symbol fürs Jüdisch sein, die Kapuzenjacke einst Synonym für Randgruppen, vormals durch Rapper populär gemacht und heute nicht mehr aus dem Kleiderschrank wegzudenken. In bestimmten Kreisen und Szenen aber auch mit Begriffen wie Anonymität und Verweigerung in Verbindung gesetzt. Wie kamt Ihr auf diese Idee?

KI: Der Hoodie spielt hierbei keine bestimmte Rolle. Wir kommen alle aus einer Generation, wo ein bestimmtes Kleidungsstück nicht wegen seiner Vergangenheit getragen wird, sondern vor allem weil wir finden, dass es cool aussieht. Sowohl Angriffe gegen die jüdische Religion als auch gegen andere Religionen sind leider allerdings immer noch viel zu häufig in Deutschland. Es kann nicht sein, dass religiöse Kleinigkeiten in den Nachrichten und in der Gesellschaft immer wieder intensiv diskutiert werden, wenn die generelle Freiheit der Religionsausübung nicht möglich ist.

MB: Wer ist Eure Zielgruppe, wer wird die Jacke tragen?

KI:Wir haben keine spezielle Zielgruppe. Jeder, der sich für generelle Religionsfreiheit aussprechen möchte und sich mit Personen, die auf Grund ihrer Religion diskriminiert werden, solidarisieren möchte, kann diesen Hoodie tragen.

MB: In welcher Auflage erscheint der Solidarity Hoodie?

KS: Der Hoodie erscheint zuerst in einer Auflage von 500 Stück und ist aktuell in fünf verschiedenen Farben erhältlich: schwarz, blau, gelb, grau und grün.

MB: Wie fühlt es sich an, mit König Souvenir auf dem Berliner Salon der Fashion Week Berlin vertreten zu sein? Wie kommt der Solidarity Hoodie an?

KI: Natürlich ist es eine große Ehre und eine riesen Chance mit König Souvenir zusammenzuarbeiten. Schon vor der Kollaboration waren wir große Fans von König Souvenir.

KS: Der Berliner Salon im Rahmen der Fashion Week Berlin war die perfekte Plattform, um unseren Solidarity Hoodie zu präsentieren. Wir haben durchweg positive Resonanz bekommen und sogar Anfragen aus den USA.

MB: Wie geht es weiter mit dem Kollektiv Ignaz, gibt es schon neue Pläne?

KI:In letzter Zeit haben wir unsere Energie auf dieses Projekt konzentriert, jedoch werden wir mit Sicherheit weitermachen.

MB: König Souvenir, welches ist Euer nächstes Highlight?

KS: Momentan sind zwei T-Shirts zur aktuellen Andreas Mühe Ausstellung erhältlich, die seine Arbeiten „Prora Sport“ und „Totilas I“ zeigen. Zudem sind spannende neue Kollaborationen in Planung, die aber natürlich noch Überraschung sind und in unserem Onlineshop koenig-souvenir.com erhältlich sein werden und in der Galerie hier in Berlin.

 

Photos: Jakob Blumenthal 

Porträt: Nick Leuze

IG: @goartberlin @koenig.souvenir @ignaz.de @nickleuze

GoArt! Art & Fashion Touren

Porträt Kollektiv Ignaz, Fashion Week
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James Turrell im Jüdischen Museum Berlin

April 24, 2018

Es ist etwas Besonderes, eine Lichtinstallation von James Turrell live und in Farbe zu erleben. Das Jüdische Museum zeigt seit dem 12. April 2018 bis voraussichtlich 30. September 2019 die Installation „Aural“ des US-Amerikanischen Künstlers James Turrell – ein Original aus dem Jahre 2004.

Das Werk, eine Schenkung des Sammlerehepaars Dieter und Si Rosenkranz, wurde in dieser Form noch nie zuvor gezeigt und befindet sich für die genannte Zeitdauer in einem temporären Bau im Museumsgarten. Als das „Aural“ in Valencia zu sehen war, sah man es lediglich von der Farbe Blau erfüllt. Für das Jüdische Museum hat Turrell die begehbare Installation um neue Farben erweitert, wo nun auf mehr als 200m² zum ersten Mal eines der „Ganzfeld Pieces“des Künstlers mit rund 13.000 Einzel LEDs in Berlin gezeigt wird.

Programmdirektorin Léontine Meijer-van Mensch formuliert in der Pressekonferenz ganz treffend: „Für Turrell muss man sich Zeit nehmen.“ Die Augen müssen sich erst einmal an den Farbwechsel und die Immaterialität dieses dimensions- und konturlosen Raumes gewöhnen. Im Grunde bietet das Werk laut Meijer-van Mensch die Möglichkeit das Museum als einen „Ort der Entschleunigung“ wahrzunehmen. In diesem Sinne könnte man das „Aural“ als sujet für die Auseinandersetzung mit Zeit verstehen.

Fragt man nach der Bedeutung des „Aurals“ für das Museum, so stellt Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums klar: „Wie jeder gute Künstler, schreibt Turrell nicht vor, wie sein Werk zu interpretieren sein soll.“ Im Judentum hat die Symbolik des Lichts einen besonderen Stellenwert: Es steht für die Gegenwart Gottes und geht bis auf den Schöpfungsakt zurück. Im Wüstenheiligtum vor der Errichtung des Jerusalemer Tempels brannte immer ein Licht. In der Synagoge brennt auch heute neben dem Tora-Schrein das „ewige Licht“ (hebräisch: ner tamid).

James Turrell wurde 1943 in Los Angeles geboren. Als einer der wichtigsten Gegenwartskünstler widmet er sein Schaffen seit über fünfzig Jahren dem Medium Licht. Es geht Turrell in seiner Auseinandersetzung mit Licht primär um die menschliche Wahrnehmung des Lichts. Sein Ziel ist es, die Wahrnehmung von jeglicher Art des assoziativen und symbolischen Denkens zu befreien.

Turrell erreicht letztlich mit seiner „Perceptual Art“ („Kunst der Wahrnehmung“), wie er sie beschreibt, dass es die Wahrnehmung selbst ist, die betrachtet wird: „Man sieht sich selber sehen“, beschreibt James Turrell das Erlebnis seiner Ganzfeld-Installationen. Das „Aural“ ermöglicht den Blick nach Innen, zur Selbstreflexion und einen geradezu Trance-artigen Zustand des Beobachtens.

Schäfer verweist zudem auf die Kabbala, die jüdische Mystik. Hier wird Gott zunächst als unerkennbarer Gott – ohne Anfang und Ende – verstanden, der durch eine zunächst dunkle, farblose Flamme letztlich Gestalt in allen Farben annimmt, sicht- und greifbar wird.

Wer ein weiteres, wenn auch kleineres Ganzfeld Turrells sehen möchte, kann dies übrigens vom 09. Juni bis 28. Oktober 2018 im Museum Frieder Burda in Baden-Baden tun.

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Fotos: Titelbild Portrait James Turrell, Foto von Grant Delin

Fotos 2,4,5: James Turrell, Ganzfeld Aural, 2018; © Jüdisches Museum Berlin, Foto von Florian Holzherr

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Sigrid Neubert – Moderne Architektur in der Fotografie

March 28, 2018

Sigrid Neubert (*1927) gehört zu den bekanntesten Architekturfotografinnen Deutschlands. In den vergangenen sechs Jahrzehnten produzierte sie ästhetische Aufnahmen moderner Bauwerke und Stadtlandschaften. Später widmete sich Neubert auch der Naturfotografie und schuf mitunter poetische, teils mystisch anmutende Bildwelten. Eine Auswahl an Arbeiten von Sigrid Neubert wird aktuell im Rahmen einer Sonderausstellung im Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin präsentiert. Die Ausstellung läuft bis zum 03. Juni 2018.

Miriam Bers sprach mit den beiden Kuratoren der Ausstellung, dem Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek Dr. Ludger Derenthal sowie dem Architekten und Kunsthistoriker Dr. Frank Seehausen.

MB: Herr Derenthal, nach welchen Kriterien erstellen Sie Ihr Programm?

LD: Wir zeigen im Museum für Fotografie die ganze Geschichte dieses so wichtigen Bildmediums von den Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, oft in Themenausstellungen, oft aus den Beständen unserer Sammlung.

MB: Wie kam es zur aktuellen Kooperation mit Ihnen und Frank Seehausen?

LD: Wir hatten das große Glück, aus dem großen Archiv Sigrid Neuberts eine repräsentative Auswahl zusammenstellen zu können, die wir in unsere Sammlung übernehmen durften. Da bot sich natürlich eine Ausstellung an, die ihr Gesamtwerk in der Natur- und Architekturfotografie umfasst. Wir haben die Ausstellung dann gemeinsam konzipiert, für die Natur war ich vor allem zuständig, für die Architektur Frank Seehausen, der auch das Buch über Sigrid Neuberts Architekturfotografie verfasst hat, das anlässlich der Ausstellung in Kürze bei Hirmer erscheinen wird.

MB: Die aktuelle Ausstellung zu Arbeiten von Sigrid Neubert in vier Stichpunkten zusammengefasst?

FS: Die Architekturfotografie zeigen wir in vier thematischen Kapiteln als Kern von Neuberts Lebenswerk, mit vielfältigen Bezügen zur ihren freien Arbeiten. Damit sollen die Besucher angeregt werden, selber auf die Suche nach Standpunkten, Motiven, Ähnlichkeiten und Unterschieden zu gehen. Durch Archivalien und vor allem durch Architekturzeichnungen wird der Dialog zwischen der Fotografin und den Architekten nachvollziehbar.

LD: Für die Naturfotografie sind für mich zwei Aspekte wichtig: Sigrid Neubert hat hier die Fotografie sowohl als Ausdrucksmedium von Gefühlszuständen wie auch als Medium für die Entwicklung einer ganz eigenen Formensprache eingesetzt, und das steht in einem sehr lehrreichen Kontrast zueinander.

MB: Wie sehen Sie das Verhältnis der Architekturfotografie Sigrid Neuberts in Bezug auf das Neue Sehen? Dem Pressetext entnehmen wir zudem einen Verweis auf die amerikanische Fotografie der 50er Jahre …

FS: In der Architekturfotografie hat Neubert sich zunehmend von den US-amerikanischen Einflüssen der 1950er Jahre gelöst und sukzessive einen eigenen formalen und inhaltlichen Ansatz entwickelt, indem sie nicht nur die Plastizität der Baukörper sorgfältig herausarbeitete, sondern auch das Zusammenspiel der Bauten mit der Umgebung und den Bewohnern. Zum Vergleich zeigen wir auch Aufnahmen von Julius Shulman, der Neubert in den 1950er Jahren beeinflusst hat.

MB: Architekturfotografie kann sehr aufwendig sein. Mit welcher Technik arbeitete Sigrid Neubert? Wurde sie regelmäßig von einem Team begleitet?

FS: Neubert arbeitete meistens alleine und nutzte dabei nur wenige technische Hilfsmittel. Über 30 Jahre lang setzte sie eine Laufbodenkamera ein und fotografierte bis in die 1970er Jahre am liebsten in Schwarz-Weiß auf 9×12 Glasnegativen. Das ermöglichte besonders kontrastreiche Aufnahmen in perfekter technischer Qualität. Diese für ihre Arbeit so charakteristischen harten Kontraste waren aber nicht nur Stilmittel, sondern glichen auch die schlechte Druckqualität so mancher Architekturzeitschrift aus. Sigrid Neubert war es besonders wichtig, mit den Bauwerken, die sie gewissermaßen als Stellvertreter der Persönlichkeit des jeweiligen Architekten auffasste, in einen intensiven Dialog zu treten.

MB: die aktuelle Ausstellung beinhaltet gleichfalls Landschaftsfotografie – stimmungsvolle Interpretationen derselben – auf die sich die Künstlerin in den letzten Jahrzehnten konzentriert hat. Wie erklären sie Ihre Hinwendung zur Natur?

LD: Nach langen Jahren der Auftragsarbeit für Architekten und Zeitschriften hat sich Sigrid Neubert hier ihr ganz eigenes Feld künstlerischer Wirkung geschaffen. Sie hat dabei immer in Werkblöcken gearbeitet, manche Themen jahrzehntelang verfolgt. Dies zeigt, wie intensiv sie über das Medium Fotografie und seine Möglichkeiten nachgedacht hat.

MB: Last but not least zu Ihnen, den beiden Kuratoren der Ausstellung: was für Fotografie hängt in Ihrem Wohnzimmer?

LD: Ein Leuchtkasten mit einem Schwarzweiß-Foto von Reiner Leist mit einem Blick in das Hochhausgewirr New Yorks.

FS: Ein Architekturfoto von Franz Lazi aus Stuttgart von 1950.

Fotos: © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Sigrid Neubert

Ausstellungsinfo

GoArt! Fotografie Touren

Art Night mit Tracey Snelling

February 13, 2018

Miriams Künstlerauswahl des Monats

Tracey Snelling ist eine U.S. amerikanische zeitgenössische Multimedia Künstlerin. Sie wurde 1970 in Oakland (Kalifornien) geboren und hat Bildende Kunst an der University of New Mexico studiert. Ihre Environments spiegeln häufig das Verhältnis von Architektur und deren soziologischer Kontextualisierung wider. Sie bestehen aus teils lebensgroßen, teils miniaturhaften architektonischen ‚Skulpturen’, die mit Videos bzw. Performances bespielt werden und dem Betrachter einen voyeuristischen Blick in die dort angesiedelte Nachbarschaft gestattet. Snellings aktuelle Arbeit ist während ihres noch bis zum April 2018 andauernden Stipendiums im renommierten Künstlerhaus Bethanien entstanden, in Kreuzberg in Kottbusser Tor Nähe gelegen. Die Künstlerin hatte u.a. Ausstellungen im MAD New York, im Palazzo Reale in Mailand und dem Königlichen Museum der Schönen Künste Belgien. Im Jahr 2015 erhielt sie den Preis der Joan Mitchell Foundation für Maler und Bildhauer. Miriam Bers traf Tracey Snelling zu einer Art Night in ihrem Kreuzberger Atelier.

MB: Du lebst seit fast einem Jahr in Berlin. Bist Du hier angekommen, fühlst Dich zugehörig, als Teil der Stadt?

TS: Das erste Mal in Berlin war ich im Februar 2016 – dort blieb ich sieben Monate und ging zurück nach Oakland. Als ich dort ankam, wurde mir klar, dass ich nach Berlin gehöre. Im April 2017 bin ich erneut nach Berlin gereist, um mit dem Historischen Museum in Frankfurt eine skulpturale Auftragsarbeit zu realisieren und Berlin noch besser kennenzulernen. Ich fühle mich hier integriert. Es fühlt sich einerseits an wie ein Zuhause, gleichzeitig ist alles aufregend und neu für mich. Berlin bedeutet Freiheit. Hier kannst du sein, wer du wirklich bist, und niemand schaut dich komisch an. Berliner sind einiges gewohnt und deshalb gelassener was das anders Sein angeht.

MB: In Deiner aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien, insbesondere den in Lebensgröße arrangierten fast romantisch anmutenden ‘Living Room’ und ‘Bedroom’ sind Wrestler, eine Punk Band und Du, die tätowiert wird die Protagonisten der Life-Performance. Hier kommt mir Nan Goldin in den Sinn. Oder ist Deine Arbeit vielmehr eine konzeptuelle, eine Art sympathisierender Vereinnahmung von mehr oder weniger marginalisierten Gruppen? Die Vorlagen Deiner Archiktekturskulpturen sind Sozialbauten am Kottbusser Tor.

TS: Viele der Raumkontexte, Objekte und Performances sind Referenzen aus meinem Leben; viele stammen noch aus meiner Jugendzeit. Ich habe die Band Hertzangst letztes Jahr zum ersten Mal in Wedding spielen hören – der Schlagzeuger ist ein Freund von mir. Ich liebte sie von Beginn an und hatte sofort ein Bild in meinem Kopf, wie sie in einer meiner Installationen auftreten. Was das Tattoo betrifft, habe ich zwar schon drei, aber ich wollte bereits seit einiger Zeit ein Tigertattoo haben. Den Tätowierer kenne ich von einer früheren Residency im ZKU in Berlin. Ich mache Muay Thai Kickboxen und habe den Sport in der Eröffnungsnacht sowie den abendlichen Aufführungen aufgegriffen. Die Räume stellen eine Hommage an meine Vergangenheit dar, meine Gegenwart und auch meine Fantasien.

 

MB: Wie bist Du zu Deiner künstlerischen Sprache gelangt? Und wie versteht man das Verhältnis zwischen kleinformatigen Wohnhausmodellen und lebensgroßen Räumen in Deinen Installationen?

TS: Ich habe als Fotografin angefangen und immer mit dem Mix von Medien gespielt. Dann produzierte ich eine Reihe von Collagen, eine trug den Namen 1881 Chestnut Stree. Hierbei handelt es sich um ein Backstein-Apartment-Gebäude, bei dem die Vorderwand fehlt, sodass alle Zimmer zu sehen sind. Dieses Haus lieferte mir die Idee dazu, ein Miniatur-Haus zu bauen, das collagiert wurde. Von hier aus wuchs die Arbeit organisch weiter und wurde 2004 um ein Video erweitert. Der Größenunterschied ist sehr interessant für mich. Die Maßstabsverschiebungen zeigen, wie sich die Realität aufgrund ihrer Wahrnehmung ständig verändert.

MB: Was hast Du für Gewohnheiten, lebst Du hier in Berlin so wie in Oakland, Deiner Heimatstadt?

TS: Hier bin ich mehr unterwegs! Es fühlt sich viel einfacher an, hier in der Stadt herumzukommen. In Oakland fühlt es sich oft an wie eine Wanderung zur Nacht der Eröffnungen nach San Francisco. Hier gibt es so viel zu unternehmen!

MB: Welche Orte magst Du besonders in Berlin? Hast Du ein Lieblingsrestaurant, eine coole Bar, die Du abends besuchst? Oder kochst Du selbst?

TS: Berlin ist im Sommer natürlich am schönsten. Als ich 2016 im Wedding lebte, fuhr ich sonntagmorgens mit dem Fahrrad zum Mauerpark, aß etwas, shoppte ein bisschen auf dem Flohmarkt und fuhr zurück in mein Studio, um zu arbeiten. Ich mag den Humboldthain Park, die verrückten kleinen Läden in der Karl-Marx-Straße, den türkischen Markt in der Nähe des Bethanien. Ich liebe das türkische Essen hier – so viel Auswahl. Ich bekomme nie genug von Lamm Kebab.

MB: Welches sind Deine Pläne für die Zeit nach dem Stipendium?

TS: Ich nehme bald an einer einmonatigen Residency in New Orleans teil, dann folgt eine Ausstellung zu Hause – dort werde ich Familie und Freunde besuchen und im Anschluss kehre ich zurück nach Berlin.

MB: Vielen Dank für das tolle Künstlerinterview, Tracey!

Tracey Snelling

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