Coleccionar Arte Contemporáneo spricht mit GoArt über Tendenzen des Kunstmarktes

March 19, 2019

Vanessa Garcia-Osuna interviewte Miriam Bers zu ‚Tendencias des Mercato del Arte‘ für coleccionar arte contemporáneo.

Miriam, wie bist du Kunstberaterin geworden?

Bereits während meines auf moderne und zeitgenössische Kunst spezialisierten Kunstgeschichtsstudiums haben mich künstlerische Werdegänge und ihre sukzessive Positionierung auf dem Kunstmarkt interessiert. Ich begann damals journalistisch tätig zu sein. Nach ersten Arbeitserfahrungen in kommerziellen Galerien wurde ich Leiterin der Galerie K&S in Berlin, eines institutionellen Ausstellungraums und Schaufensters der Akademie Schloss Solitude Stuttgart, des Künstlerhauses Bethanien Berlin sowie des ZKM Karlsruhe. Als Kuratorin begleitete ich dort Stipendiaten aus aller Welt, aber auch ausgesuchte in Berlin ansässige internationale Künstler auf dem Weg in ihre Karriere. 2006 gründete ich schließlich GoArt!, eine Kunstvermittlungs- und Beratungsagentur.

Miriam Bers, Kunstberaterin und Gründerin von GoArt! Berlin.

Wie würdest du den wachsenden Einfluss einer Kunstberaterin auf das Kunstsystem erklären? 

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Die Zahl der Sammler, aber auch Künstler hat sich multipliziert. Internationalisierung, der asiatische Markt, dabei insbesondere China, Osteuropa oder Investoren aus arabischen Ländern haben Angebot und Nachfrage verändert. Hinzu kommt, dass in Zeiten niedriger Zinspolitik bei klassischen Kapitalanlagen vermehrt in Kunst investiert wird. Nicht alle Berater kommen aus dem Kunstbereich, und auch Sammler, die Kunstkäufe vor allem unter dem Aspekt einer Geldanalage betrachten, sind mitunter im Finanzbereich tätig. Hier spielt der secondary market eine große Rolle. Auf der anderen Seite stehen Sammler, Kunstliebhaber mit nachhaltigen Vorstellungen, die sich in einem immer größer werdenden Kunstdschungel Überblick verschaffen möchten und auch inhaltliche Expertise suchen. Hier greift der Berater aus dem Kunstfach – zu dem auch ich mich zähle – in erster Linie mit Fokus auf den primary market, d.h. Galerien und Künstler.

Was sind die Vorteile wenn man mit einer Kunstberaterin arbeitet? Was machst du genau?

Das ist von Fall zu Fall verschieden und hängt immer vom Kunden ab. Mit Newcomern, die auch inhaltlichen Mehrwert suchen, verbringe ichmöglichst viel Zeit um herauszufinden was sie interessiert und wie ihre zukünftige Sammlung aussehen kann. Das ist auch einer der Gründe, warum ich seit kurzem an einem Konzept für „art classes“ arbeite: Kunstverständnis, Qualitätskriterien und  Marktzusammenhänge sind komplexe Themen. Für Kunden, die bereits sammeln und mitunter von weit her nach Berlin reisen – den weltweit größten Produktionsort zeitgenössischer Kunst –  treffe ich häufig eine an sie angepasste Vorauswahl – aufwandsabhängig auch mit Portfolio- bzw. digitaler Montage/Renderings in Abbildungen von den Räumen, die ausgestattet werden sollen. Das ist eine immense Zeitersparnis und kann auch vor den persönlichen Treffen mit Galerien und Künstlern stattfinden. (M)ein Beraternetzwerk ermöglicht bei der persönlichen Begegnung dann selbstverständlich den Blick hinter die Kulissen. Advisor vertreten ja nicht Künstler oder Galerien, sondern den Kunden und sind daher neutral. Mein Team und ich kümmern uns um alle Dienstleistungen, die mit einem Erwerb zu tun haben  – besuchen Messen im Auftrag des Sammlers und begleiten auf Wunsch auch den Transport und die Hängung der Werke.

Was sind die Herausforderungen, die einer Kunstberaterin heute begegnen?

Das Zurechtfinden in einem immer größer werdenden Markt, und daran geknüpft auch dem anwachsenden online Angebot und Verkauf. Da Kunst ja von einer Vielzahl an Aspekten bestimmt wird ist es vor allem bei emerging artists schwierig sich nur an Zahlen zu orientieren. Fragen nach dem Bestand, der Kontinuität, aber auch dem Stellenwert einzelner Werke spielen dabei eine wichtige Rolle – keiner möchte Arbeiten kaufen, die bereits an Wert verlieren; Entscheidungen, ob eine Sammlung eine mittel-bis langfristige Anlage werden oder vielmehr Mainstream repräsentieren soll. Und ganz wichtig, welche Konsequenzen resultieren aus welchen Vorlieben, aus der Entscheidung für eine Gattung wie Fotografie, Videokunstoder Performancebeispielsweise. Das geht bis hin zu konservatorischen Fragen.

photo credit: goart!berlin

Wie können sich Entscheidungen einzelner Sammler auf den Kunstmarkt auswirken?

Eine Sammlung ist ja zumeist auch ein Prestigeobjekt. Ein Sammler, der die von ihm erworbenen Gemälde, Photoarbeiten, Objekte usw. öffentlich macht kann natürlich auch Trends setzen. Und ein großer einflussreicher Kollektor verfügt über mehr Kapital als die meisten Museen und kann auf diese Weise schneller junge Künstler etablieren, als staatlich betriebene Kunstinstitutionen. Noch nie wurden so viele private Ausstellungshäuser oder auch öffentlich zugängige Sammlungen wie heute gegründet. Denken Sie an Christian Boros, der sich für seine Sammlung einen WW2-Bunker in Berlin als Ausstellungsort umbauen ließ und einer der ersten war, der sich für Künstler wie Olafur Eliasson interessierte; oder an die bereits über zwei Generationen etablierte Sammlung Maramotti, den Eigentümern des Label Max Mara. Luigi Maramotti entdeckte Künstler wie Jacob Kassay längst bevor er auf dem Markt umkämpft war. Mythischen Status genießt Charles Saatchi, Kunstmäzen und –spekulant, der in den 1990ern junge britische Talente wie Damien Hirst oder Sarah Lukas förderte, sie aber auch in Mengen kaufte und verkaufte und damit sowohl Preise als auch Kuratoren und andere Sammler beeinflusste.

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Der Kunstmarkt hat ungeahnte Level erreicht. Welche Aspekte erklären dieses exponentielle Wachstum?

Es gibt mehr wohlhabende Menschen auf der Welt als früher. Klassische Kunst bis hin zur klassischen Moderne ist auf Auktionen inzwischen heiß umkämpft, die Rezeption zeitgenössischer Kunst im Zeitalter der Wissensgesellschaft hingegen leichter und populärer geworden. Neue Märkte haben sich entwickelt: asiatische oder arabische Länder, etwa Hong Kong sowie Dubai und Abu Dhabi als Zentren der nahöstlichen Kunstwelt. Kunst öffnet Türen und ist zugleich öffentlich,  und mit diesem Mehrwert ‚bemerkenswerter’ als zum Beispiel  Gold, das nur im Safe liegt. Darüberhinaus verbindet Kunst Menschen verschiedenster Kulturen und Herkunft, schafft internationale Identität, Netzwerke und sowie einennicht zu unterschätzenden Mehrwert.

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Was waren wichtige Veränderungen, die den Kunstmarkt die letzten Jahre beeinflusst haben? (Zum Beispiel das Aufkommen des INternets, Globalisierung, etc.)

Das Phänomen der Globalisierung prägt selbstverständlich auch die Kunstwelt. So gibt es Bluechip-Galerien, aber auch Messen, die Dependancen in Berlin, London, Los Angeles oder Singapur eröffnen. Oder Galerien, die sich in Agenturen umwandeln, um flexibler internationale Projekte und Kooperationen schaffen zu können. Es gibt auch Galeristen, die umsatteln und für Auktionshäuser arbeiten. Jüngere Trends sind Finanzberater aus dem Immobilien-Bereich, die nunmehr auch Kunst in ihrem Portfolio haben. Ein Makrotrend ist der spekulative und damit größer werdende secondary market, der auch die Preise für zeitgenössische Kunst in die Höhe treibt. Hinzu kommt eine junge Sammlerschaft, die mit der Digitalisierung der Gesellschaft groß geworden ist. Marktangebote über das Internet, Künstler, die sich direkt auf Internetportalen anbieten, stellen eine weitere Herausforderung für den Sammler dar. Er kann hier optisch Vorsondieren, was ihm gefällt.

photo credit: goart!berlin

Kann Kunst ein gutes Investment sein? Kannst du uns Beispiele dafür nennen?

Ja, dafür gibt es eine Vielzahl an Beispielen auch aus dem zeitgenössischen Kunstbereich. Kunst ist zunächst ja grundsätzlich eine Mehrwert und Ansehen schaffende Investition. Und eine Künstlerkarriere entsteht in komplexen Zusammenhängen: hinter den emerging Künstlern stehen ja Galeristen, Fachleute aus Museen, Kunstvereinen, Kritiker und Kuratoren, die viele Ressourcen das Oeuvre investieren. Wir leben in einer Zeit des Bilderkonsums und Auswahlkriterien sind daher wichtiger denn je. Ich beobachte Künstlerkarrieren seit über zwei Jahrzehnten. Denken Sie an Thomas Demand, der 1992 seine erste Einzelausstellung in München hatte und nunmehr längst im Guggenheim Museum Bilbao oder dem Museum of Modern Art in New York zu sehen war. Shiharu Shiota, die ich 1999 noch als Meisterschülern von Rebecca Horn ausstellte, ist seit kurzem eine der Stars der Galerie Blain Southern, letztere übrigens mit Sitz in London und Berlin. Gleiches gilt für die unkonventionelle Performance – und Videokünstlerin Katarzyna Kozyra, die heute zu den wichtigsten zeitgenössischen polnischen Künstlerinnen zählt. Einer der erfolgreichsten und international bekannten Maler Deutschlands ist Jonas Burgert, der 2004, vor 15 Jahren  Probleme hatte, für seine Werke Käufer zu finden.

Shiharu Shiota, The Key in the Hand, Japanese Pavillon, Biennale 2015, photo credit: goart!berlin

Gibt es spezifische Regionen, Bewegungen und/oder Künstler*innen, denen du momentan besondere Beachtung schenken würdest?

Eine spannende neue Tendenz ist Street Art. Das hat viel mit dem aktuellen Zeitgeist zu tun, und der Begeisterung für Hip-Hop-Subkultur.Berlin als Stadt des Auf- und Umbruchs mit all ihren Freiheiten, beherbergt eine viele Urban Artists. Inzwischen gibt es Messen und Galerien, die sich diesem Trend widmen. Auch für junge Sammler ist er attraktiv, da die Preise zumeist noch im vierstelligen Bereich liegen. Gleichsam wird mehr Fotografie gekauft als früher. Generell denke ich, dass Europa mit Themen wie Nachhaltigkeit und Migration weiterhin ein sehr bedeutender Hub für Künstler und Sammler ist. Berlin hat eines der größten weltweiten Künstlernetzwerke, offizielle Zahlen belegen über 20.000 internationale Kunstschaffende in der deutschen Metropole. Hier sind Protagonisten wie Olafur Eliasson, Thomas Demand, Thomás Saraceno oder Katharina Grosse bekannt geworden. Kunst ist wie eine Pflanze die da wächst, wo sie geeigneten Humus findet. Die Anziehungskraft, die Paris oder New York vormals auf Künstler ausübte, hat heute Berlin, auch am Drehpunkt zu Osteuropa befindlich. Spanien wiederum ist seit Jahrzehnten das Tor zu Südamerika, wie nicht nur die Arco in Madrid belegt.

 

photo credit: goart!berlin