Berliner Modedesignerin Isabel Vollrath im Gespräch

April 12, 2018

Isabel Vollrath ist eine deutsche Modedesignerin, die sich an der Schnittstelle moderner Couture und bildender Kunst angesiedelt hat. Sie wurde 1980 in Freiburg geboren, lernte zunächst klassisches Herrenschneiderhandwerk in Baden-Baden und studierte anschließend Mode an der renommierten Kunsthochschule in Berlin-Weissensee. Für Isabel Vollrath sind Kleidungsstücke dreidimensionale Zeichnungen, Collagen, Objekte der „Bildhauerei“, sozialkritische/ politische Statements und/oder „kulturelle Reiseberichte“. Mit einer außergewöhnlichen Materialwahl und wertigen Details setzt die Berliner Modedesignerin, sich im Spannungsfeld von Mode und Kunst bewegend, Akzente mit Wiedererkennungswert. Mittels historisierender als auch avantgardistischer, skulptural-futuristischer Stilelemente, einer kontrastreichen, abstrakten, zugleich figurbetonten Schnittführung entstehen raumgreifende, ausdrucksstarke Silhouetten, die integrativ am menschlichen, sich bewegenden Körper bzw. als hängende, stehende, liegende „Schalen“ im Raum fungieren.

Isabel Vollrath erhielt bereits zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, unter anderem den Förderpreis der Wilhelm-Lorch-Stiftung, das Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin, sowie den „Baltic Fashion Award“ (2011) und einen Award beim “ITS Contest” in Triest/Italien (2012). 2015 gründete sie ihr Label I’ VR ISABEL VOLLRATH. Ihre Kollektionen zeigt sie seither halbjährlich im Rahmen der Berlin Fashion Week bzw. des Berliner Salons/Vogue Salons im Kronprinzenpalais. Miriam Bers traf die Berliner Modedesignerin zum Interview.

MB: Wie beginnt der Tag einer Berliner Modedesignerin?

IV: Wechseldusche, Kaffee. Dann aufs Rad zu Frühyoga oder Balletttraining. Anschließend geht’s ins Atelier.

MB: Warum eine skulpturale Designsprache?

IV: Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Freie Kunst studieren und Bildhauerin werden. Gleichzeitig war da diese Passion für die Mode und das Schneiderhandwerk. So entschied ich mich für drei Lehrjahre bei Herrenmaßschneider Gerhard Schmauder in Baden-Baden und lernte, aus Stoff eine “zweite Haut” für den Mann zu entwickeln. Im Grunde war das auch eine Art “Sculpting” und unverzichtbares Fundament für mein anschließendes Modestudium. In Berlin bin ich wahrscheinlich eine der wenigen DesignerInnen, die noch die komplette Musterkollektion selbst anfertigt. Ich verknüpfe dabei meine “Bildhauertätigkeit” mit dem technischen Know-how der Schneiderei und einem enorm hohen Anspruch an Präzision, betrachte mit dem Auge eines Künstlers und habe dennoch das nötige Maß an Funktionalität im Hinterkopf. Ich habe die Vision, kenne aber auch die Problemstellungen der Umsetzung. Im Arbeitsprozess selbst habe ich die Aussage, ein Statement im Visier, eine Geschichte, eine Emotion – weniger aber das Ziel, Konsumenten des Massenmarktes anzusprechen.

MB: Welche Ausstellung haben Sie zuletzt gesehen?

IV: Tatsächlich bin ich recht viel auf Vernissagen unterwegs.

Daher überlege ich gerade, welche Ausstellungen mich in den letzten Monaten besonders begeistert haben. Ist zwar schon eine Weile her, aber spontan „Jonas Burgert: Zeitlaich“ bei Blainsouthern und „Cornelia Schleime: Full House“ bei Michael Schultz. Und natürlich auch die Biennale in Venedig letztes Jahr. Sehr gespannt bin ich auf das in Kürze stattfindende Gallery Weekend.

MB: Welche Schriftsteller inspirieren Sie?

IV: Alte Meister wie Goethe.

MB: Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

IB: In Wassernähe im Grünen.  Oder eine Terrasse mit Weitblick über die Berliner Dächer. Oder eine nette Weinbar um die Ecke. Den EINEN gibt es eigentlich nicht.

MB: Ihr Sehnsuchtsort?

IV: Italien. Venedig. Das Meer.

Den Großteil meiner Kollektionsstücke könnte man auch als Kunstobjekt an einen Nagel oder in einem Bilderrahmen an die Wand hängen statt in den Kleiderschrank. Sie funktionieren sowohl als Körper- als auch als Raumobjekt. Meine Kollektionen werden immer Limited Edition bleiben. Nur so kann ich mir selbst treu bleiben und sowohl Mode als auch Kunst betreiben. Bevor ich an Eleganz denke, “tobe” ich mich aus. Im Experiment, in Formen, im Spiel mit Material und Schnitt. Mit der Neugier eines Kindes und dem “Flow” meiner Hände.

MB: Ihr Oeuvre in drei Sätzen zusammengefasst:

IV: Ich bevorzuge 3 Worte: Eigenwillig.  Authentisch. Kompromisslos.

MB: Welche Designer inspirieren Sie?

IV: Es gibt DesignerInnen/Marken, der Vergangenheit und Gegenwart, die ich sehr verehre, deren Lebenswerk und Kreationen ich sehr schätze. Zum Beispiel die einer Coco Chanel, Vivienne Westwood, Rei Kawakubo, oder Iris van Herpen und die eines Yves Saint Laurent, Alexander McQueen oder Hussein Chalayan. Ich mag einen starken visuellen Ausdruck, Mut zu außergewöhnlichen Formen, Farben, Materialien und eine eigene Signatur mit Wiedererkennungswert.

MB: Wie endet der Tag einer Berliner Modesignerin? Selber Kochen oder Essen gehen?

IV: Ausgiebig kochen – das eher, wenn ich Gäste empfange. Wenn ich alleine bin, gibt es einen bunten Salat und ein Glas Weißwein. Oder aber ich verabrede mich zum Apero draußen.

MB: Rezeptidee?

IV: Für Gäste immer gerne „Antipasto misto“. Buntes Gemüse wie Zucchini, Fenchel, Kürbis, Paprika, Rosmarinkartoffeln aus dem Ofen – mit Ziegenrahm und Olivenöl. Dazu Salatbeilage: Radicchio, Chicoree, Feldsalat – mit Tomaten, Gurke, angeröstetem Sesam und Granatapfel.

Falls gewünscht: Wildlachs mit Zitronen-Honig-Sauce und Wildreis in Kokosmilch.

MB: Wann und wo kann man Ihre nächste Kollektion sehen?

IV: Die Modewoche für für Spring/Summer 2019 startet Anfang Juli. Die genauen Daten meines Defilés stehen noch nicht fest, sind aber in Planung und werden zeitnah im Kalender der Berlin Fashion Week bzw. des Berliner Salons bekanntgegeben.

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Fotos: Titelbild Det Nissen, 1/3  Thomas Thernes, 4 Katy Otto, 2 Philipp Wolfart

 

Sigrid Neubert – Moderne Architektur in der Fotografie

March 28, 2018

Sigrid Neubert (*1927) gehört zu den bekanntesten Architekturfotografinnen Deutschlands. In den vergangenen sechs Jahrzehnten produzierte sie ästhetische Aufnahmen moderner Bauwerke und Stadtlandschaften. Später widmete sich Neubert auch der Naturfotografie und schuf mitunter poetische, teils mystisch anmutende Bildwelten. Eine Auswahl an Arbeiten von Sigrid Neubert wird aktuell im Rahmen einer Sonderausstellung im Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin präsentiert. Die Ausstellung läuft bis zum 03. Juni 2018.

Miriam Bers sprach mit den beiden Kuratoren der Ausstellung, dem Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek Dr. Ludger Derenthal sowie dem Architekten und Kunsthistoriker Dr. Frank Seehausen.

MB: Herr Derenthal, nach welchen Kriterien erstellen Sie Ihr Programm?

LD: Wir zeigen im Museum für Fotografie die ganze Geschichte dieses so wichtigen Bildmediums von den Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, oft in Themenausstellungen, oft aus den Beständen unserer Sammlung.

MB: Wie kam es zur aktuellen Kooperation mit Ihnen und Frank Seehausen?

LD: Wir hatten das große Glück, aus dem großen Archiv Sigrid Neuberts eine repräsentative Auswahl zusammenstellen zu können, die wir in unsere Sammlung übernehmen durften. Da bot sich natürlich eine Ausstellung an, die ihr Gesamtwerk in der Natur- und Architekturfotografie umfasst. Wir haben die Ausstellung dann gemeinsam konzipiert, für die Natur war ich vor allem zuständig, für die Architektur Frank Seehausen, der auch das Buch über Sigrid Neuberts Architekturfotografie verfasst hat, das anlässlich der Ausstellung in Kürze bei Hirmer erscheinen wird.

MB: Architekturfotografie kann sehr aufwendig sein. Mit welcher Technik arbeitete Sigrid Neubert? Wurde sie regelmäßig von einem Team begleitet?

FS: Neubert arbeitete meistens alleine und nutzte dabei nur wenige technische Hilfsmittel. Über 30 Jahre lang setzte sie eine Laufbodenkamera ein und fotografierte bis in die 1970er Jahre am liebsten in Schwarz-Weiß auf 9×12 Glasnegativen. Das ermöglichte besonders kontrastreiche Aufnahmen in perfekter technischer Qualität. Diese für ihre Arbeit so charakteristischen harten Kontraste waren aber nicht nur Stilmittel, sondern glichen auch die schlechte Druckqualität so mancher Architekturzeitschrift aus. Sigrid Neubert war es besonders wichtig, mit den Bauwerken, die sie gewissermaßen als Stellvertreter der Persönlichkeit des jeweiligen Architekten auffasste, in einen intensiven Dialog zu treten.

Fotos: © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Sigrid Neubert

Ausstellungsinfo

GoArt! Fotografie Touren

MB: Die aktuelle Ausstellung zu Arbeiten von Sigrid Neubert in vier Stichpunkten zusammengefasst?

FS: Die Architekturfotografie zeigen wir in vier thematischen Kapiteln als Kern von Neuberts Lebenswerk, mit vielfältigen Bezügen zur ihren freien Arbeiten. Damit sollen die Besucher angeregt werden, selber auf die Suche nach Standpunkten, Motiven, Ähnlichkeiten und Unterschieden zu gehen. Durch Archivalien und vor allem durch Architekturzeichnungen wird der Dialog zwischen der Fotografin und den Architekten nachvollziehbar.

LD: Für die Naturfotografie sind für mich zwei Aspekte wichtig: Sigrid Neubert hat hier die Fotografie sowohl als Ausdrucksmedium von Gefühlszuständen wie auch als Medium für die Entwicklung einer ganz eigenen Formensprache eingesetzt, und das steht in einem sehr lehrreichen Kontrast zueinander.

MB: Wie sehen Sie das Verhältnis der Architekturfotografie Sigrid Neuberts in Bezug auf das Neue Sehen? Dem Pressetext entnehmen wir zudem einen Verweis auf die amerikanische Fotografie der 50er Jahre …

FS: In der Architekturfotografie hat Neubert sich zunehmend von den US-amerikanischen Einflüssen der 1950er Jahre gelöst und sukzessive einen eigenen formalen und inhaltlichen Ansatz entwickelt, indem sie nicht nur die Plastizität der Baukörper sorgfältig herausarbeitete, sondern auch das Zusammenspiel der Bauten mit der Umgebung und den Bewohnern. Zum Vergleich zeigen wir auch Aufnahmen von Julius Shulman, der Neubert in den 1950er Jahren beeinflusst hat.

MB: die aktuelle Ausstellung beinhaltet gleichfalls Landschaftsfotografie – stimmungsvolle Interpretationen derselben – auf die sich die Künstlerin in den letzten Jahrzehnten konzentriert hat. Wie erklären sie Ihre Hinwendung zur Natur?

LD: Nach langen Jahren der Auftragsarbeit für Architekten und Zeitschriften hat sich Sigrid Neubert hier ihr ganz eigenes Feld künstlerischer Wirkung geschaffen. Sie hat dabei immer in Werkblöcken gearbeitet, manche Themen jahrzehntelang verfolgt. Dies zeigt, wie intensiv sie über das Medium Fotografie und seine Möglichkeiten nachgedacht hat.

MB: Last but not least zu Ihnen, den beiden Kuratoren der Ausstellung: was für Fotografie hängt in Ihrem Wohnzimmer?

LD: Ein Leuchtkasten mit einem Schwarzweiß-Foto von Reiner Leist mit einem Blick in das Hochhausgewirr New Yorks.

FS: Ein Architekturfoto von Franz Lazi aus Stuttgart von 1950.

Weniger ist mehr – New Yorks Armory Show 2018

March 15, 2018

Die diesjährige Armory Show präsentierte sich mit sehr einladendem und übersichtlichem Layout und etwas weniger Galerien als in den Vorjahren. Das professionell-gastfreundliche Handling von Einladungen für Fachpublikum und Sammler, ansprechende Stand-Architektur mit ausreichend Zwischenräumen für skulpturale Arbeiten sowie perfektes Licht-Setting und helle Böden bis hin zu zentral positionierten Bars und Lounges machten die wichtigste New Yorker Kunstmesse zu einem photogenen und stimulierenden Event.

Wie die Frieze und die Art Basel ist die Armory Show vor allem eine Verkaufsausstellung, ohne Anspruch einer Übersicht sämtlicher zeitgenössischer Kunsttrends. Zugleich erhielt der Besucher einen Eindruck von den anspruchsvollen Must Haves der nächsten Saison. So wurden auf der einen Seite extrem hochwertige moderne Werke der 50er bis 70er Jahre angeboten, unter ihnen kleinformatige Gerhard Richter Gemälde (je über 600.000 Dollar), Cy Twombly’s, eine große Nam Jun Paik Installation bei Gagosian und schöne David Hockney’s, die nicht nur Sammler- Herzen höher schlagen ließen.

Zum anderen und auch ohne ganzheitlichen Anspruch auf einen allumfassende Übersicht globaler Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst, präsentierten die kuratierten Shows der Messe Fokus und Platform/The Contigent spannende aktuelle Positionen vor politisch und kulturellem Hintergrund. Spektakulär war das von der Armory Show, den Deitch Projects und Artsy präsentierte und auf einer der Fassaden der Messhalle installierte Foto-Mural des bekannten französischen Street Art Künstlers JR (Foto rechts). Gegenüber der Ellis Island, die von 1892 bis 1954 rund 12 Millionen Migranten und Flüchtlinge durchlaufen mussten, zeigt JR seine kürzlich in syrischen Flüchtlingslagern geschossenen Aufnahmen im Stil der Archiv-Fotos des Museum of Immigration der Ellis Island.

Einige Galerien warteten zudem mit gut kuratiertem Stand Design auf, so etwa Wetterling aus Stockholm (u.a. mit Arbeiten von Jim Dine, Foto links), New Yorker Marianne Boesky (mit Arbeiten von Hannah van Bart and Hans Op de Beek) oder die Mizuma Art Galerie aus Tokyo (Installationen des Japanisch –Australischen Paares Ken + Julia Yonetani, Foto oben).

Eine weitere sehr schöne auffällige Arbeit war Cry Havoc der jungen südafrikanischen Künstlerin Mary Sibande (Galerie MOMO aus Johannisburg und Kapstadt, Foto links), die sich mit überkochender Wut diskriminierter Frauen beschäftigt. Last but not least und eine zumindest aus europäischer Sicht Entdeckung in der Abteilung Focus waren die aussagestarken Collagen, Textilbilder und Prints der 1938 in the USA geborenen Afro-Amerikanerin Emma Amos (Ryan Lee Gallery, New York), die sich sei jeher mit Gender, rassischen und geographischen Gesichtspunkten auseinandersetzt.

 

Art Consulting

J.R. Foto: Teddy Wolff, courtesy of The Armory Show

Andere Fotos: courtesy of GoArt! Berlin

Art Night mit Tracey Snelling

February 13, 2018

Miriams Künstlerauswahl des Monats

Tracey Snelling ist eine U.S. amerikanische zeitgenössische Multimedia Künstlerin. Sie wurde 1970 in Oakland (Kalifornien) geboren und hat Bildende Kunst an der University of New Mexico studiert. Ihre Environments spiegeln häufig das Verhältnis von Architektur und deren soziologischer Kontextualisierung wider. Sie bestehen aus teils lebensgroßen, teils miniaturhaften architektonischen ‚Skulpturen’, die mit Videos bzw. Performances bespielt werden und dem Betrachter einen voyeuristischen Blick in die dort angesiedelte Nachbarschaft gestattet. Snellings aktuelle Arbeit ist während ihres noch bis zum April 2018 andauernden Stipendiums im renommierten Künstlerhaus Bethanien entstanden, in Kreuzberg in Kottbusser Tor Nähe gelegen. Die Künstlerin hatte u.a. Ausstellungen im MAD New York, im Palazzo Reale in Mailand und dem Königlichen Museum der Schönen Künste Belgien. Im Jahr 2015 erhielt sie den Preis der Joan Mitchell Foundation für Maler und Bildhauer. Miriam Bers traf Tracey Snelling zu einer Art Night in ihrem Kreuzberger Atelier.

MB: Du lebst seit fast einem Jahr in Berlin. Bist Du hier angekommen, fühlst Dich zugehörig, als Teil der Stadt?

TS: Das erste Mal in Berlin war ich im Februar 2016 – dort blieb ich sieben Monate und ging zurück nach Oakland. Als ich dort ankam, wurde mir klar, dass ich nach Berlin gehöre. Im April 2017 bin ich erneut nach Berlin gereist, um mit dem Historischen Museum in Frankfurt eine skulpturale Auftragsarbeit zu realisieren und Berlin noch besser kennenzulernen. Ich fühle mich hier integriert. Es fühlt sich einerseits an wie ein Zuhause, gleichzeitig ist alles aufregend und neu für mich. Berlin bedeutet Freiheit. Hier kannst du sein, wer du wirklich bist, und niemand schaut dich komisch an. Berliner sind einiges gewohnt und deshalb gelassener was das anders Sein angeht.

MB: In Deiner aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien, insbesondere den in Lebensgröße arrangierten fast romantisch anmutenden ‘Living Room’ und ‘Bedroom’ sind Wrestler, eine Punk Band und Du, die tätowiert wird die Protagonisten der Life-Performance. Hier kommt mir Nan Goldin in den Sinn. Oder ist Deine Arbeit vielmehr eine konzeptuelle, eine Art sympathisierender Vereinnahmung von mehr oder weniger marginalisierten Gruppen? Die Vorlagen Deiner Archiktekturskulpturen sind Sozialbauten am Kottbusser Tor.

TS: Viele der Raumkontexte, Objekte und Performances sind Referenzen aus meinem Leben; viele stammen noch aus meiner Jugendzeit. Ich habe die Band Hertzangst letztes Jahr zum ersten Mal in Wedding spielen hören – der Schlagzeuger ist ein Freund von mir. Ich liebte sie von Beginn an und hatte sofort ein Bild in meinem Kopf, wie sie in einer meiner Installationen auftreten. Was das Tattoo betrifft, habe ich zwar schon drei, aber ich wollte bereits seit einiger Zeit ein Tigertattoo haben. Den Tätowierer kenne ich von einer früheren Residency im ZKU in Berlin. Ich mache Muay Thai Kickboxen und habe den Sport in der Eröffnungsnacht sowie den abendlichen Aufführungen aufgegriffen. Die Räume stellen eine Hommage an meine Vergangenheit dar, meine Gegenwart und auch meine Fantasien.

 

MB: Wie bist Du zu Deiner künstlerischen Sprache gelangt? Und wie versteht man das Verhältnis zwischen kleinformatigen Wohnhausmodellen und lebensgroßen Räumen in Deinen Installationen?

TS: Ich habe als Fotografin angefangen und immer mit dem Mix von Medien gespielt. Dann produzierte ich eine Reihe von Collagen, eine trug den Namen 1881 Chestnut Stree. Hierbei handelt es sich um ein Backstein-Apartment-Gebäude, bei dem die Vorderwand fehlt, sodass alle Zimmer zu sehen sind. Dieses Haus lieferte mir die Idee dazu, ein Miniatur-Haus zu bauen, das collagiert wurde. Von hier aus wuchs die Arbeit organisch weiter und wurde 2004 um ein Video erweitert. Der Größenunterschied ist sehr interessant für mich. Die Maßstabsverschiebungen zeigen, wie sich die Realität aufgrund ihrer Wahrnehmung ständig verändert.

MB: Was hast Du für Gewohnheiten, lebst Du hier in Berlin so wie in Oakland, Deiner Heimatstadt?

TS: Hier bin ich mehr unterwegs! Es fühlt sich viel einfacher an, hier in der Stadt herumzukommen. In Oakland fühlt es sich oft an wie eine Wanderung zur Nacht der Eröffnungen nach San Francisco. Hier gibt es so viel zu unternehmen!

MB: Welche Orte magst Du besonders in Berlin? Hast Du ein Lieblingsrestaurant, eine coole Bar, die Du abends besuchst? Oder kochst Du selbst?

TS: Berlin ist im Sommer natürlich am schönsten. Als ich 2016 im Wedding lebte, fuhr ich sonntagmorgens mit dem Fahrrad zum Mauerpark, aß etwas, shoppte ein bisschen auf dem Flohmarkt und fuhr zurück in mein Studio, um zu arbeiten. Ich mag den Humboldthain Park, die verrückten kleinen Läden in der Karl-Marx-Straße, den türkischen Markt in der Nähe des Bethanien. Ich liebe das türkische Essen hier – so viel Auswahl. Ich bekomme nie genug von Lamm Kebab.

MB: Welches sind Deine Pläne für die Zeit nach dem Stipendium?

TS: Ich nehme bald an einer einmonatigen Residency in New Orleans teil, dann folgt eine Ausstellung zu Hause – dort werde ich Familie und Freunde besuchen und im Anschluss kehre ich zurück nach Berlin.

MB: Vielen Dank für das tolle Künstlerinterview, Tracey!

Tracey Snelling

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